Ich gehöre zu den Menschen, die schon sehr früh wussten, was sie einmal “werden wollten”. Bereits im Kindergarten liebte ich es, mir jedes Detail einer Pflanze oder eines Tieres genau anzuschauen, zu entdecken wo der Vogel sein Nest gebaut hatte oder zu beobachten wohin die Ameise ihre Puppen und Eier bringt, wenn man den großen Stein über ihrem Nest angehoben hatte. Zum Glück hatte ich meine Oma. Sie hatte einen wunderschönen Selbstversorgergarten. Ein Abenteuerlabyrinth mit Obstbäumen, -sträuchern, Gemüse und Kräutern. Wir aßen Möhren direkt aus dem Boden und wuschen sie zuvor nur in der Regenwassertonne ab. Meine Oma war besonders, auf ihre eigene Weise, spirituell. Sie lebte im Rhythmus der Jahreszeiten, sie war verschroben. Nicht jeder mochte sie, viele hielten sie sogar für verrückt, weil sie damals kaum einer verstand. Zudem ist sie ein Kriegskind gewesen und in ihrer Seele gezeichnet von den Erfahrungen der Flucht, welche sie durch ihre Kunst verarbeitete. Als ich noch sehr klein war, verstand ich meine Oma einfach, als ich größer wurde, wurde mir beigebracht, dass sie zu verstehen bedeutete, selbst “nicht ganz richtig” zu sein. Deshalb hörte ich bedauerlicherweise damit auf.
Was bleibt ist, dass meine Oma eine besondere Rolle in meinem Leben gespielt hat. Sie hat mich stark geprägt. Darum ist es auch nicht verwunderlich, dass es ausgerechnet sie war, die mir meinen ersten Naturführer schenkte. Im Kindergarten war mir klar, dass ich einmal Naturschützerin werden würde. Was das in Wirklichkeit für ein Beruf ist, wusste ich nicht, ich wollte einfach nur behüten, was mein Herz so sehr berührte. Als ich älter wurde, wollte ich dann Tierärztin werden, studiert habe ich schließlich Biologie und Agrarwissenschaften mit einem Schwerpunkt in Botanik und Landschaftsökologie und arbeitete viele Jahre im angewandten sowie im behördlichen Naturschutz. Mein jüngstes Ich sollte also recht behalten.
Zwischen der romantischen Vorstellung eines Kindes, was Naturschutz ist und dem, was Naturschutz rechtlich und praktisch bedeutet, klafft eine riesige Schlucht. Trotzdem habe ich meinen Weg gemacht, ich war gut darin, aber mir fehlte etwas in meiner Arbeit als erwachsene Person, ein bestimmtes Gefühl in meiner Brust, das ich als Kind so stark in mir getragen habe, dass ich bereit war, diesen Ausbildungsweg so viele Jahre zu gehen. Zynisch betrachtet, könnte man jetzt sagen: ,,So ist das nunmal, wenn man aus den von Naivität getränkten Schuhen eines Kindes entwächst. Werd endlich erwachsen!’’ Und ich gebe zu, dass ich zeitweilig dieser Stimme in meinem Kopf geglaubt habe. Resignation. Das ist wohl das passende Begleitwort dafür, wenn man in die geordnete Welt des Funktionierens eintritt, um seine vorgegebene Rolle in der Gesellschaft einzunehmen. Das soll nicht falsch verstanden werden, wir leben in diesem System und müssen uns daran anpassen, um darin zu überleben. Daran ist nichts verwerflich und wir müssen uns ja auch eingestehen, dass es uns sehr gut geht in diesem Wohlstandssystem. Ganz gleich ob oder ob nicht im aktuellen Weltgeschehen daran gerüttelt wird. Ich bin darin aufgewachsen und war darin sicher und wohl behütet. Dafür bin ich dankbar.
Was fehlte, war das Gefühl von Sinnhaftigkeit in meinem Job. Nicht weil Naturschutz nicht sinnvoll ist, sondern weil der ordnungsrechtliche Rahmen dafür so komplex gebaut ist, dass die Umsetzung häufig nicht immer reibungslos funktioniert und man zudem viele Kämpfe ausfechten muss, für etwas, das eigentlich (natur)gegeben sein sollte. Das ergibt keinen Sinn. Warum zerstören wir als Spezies Mensch einfach unsere Lebensgrundlage? Und warum müssen wir extra Regeln erfinden, die unseren Planeten schützen sollen, wenn wir dann immer wieder Gründe und Möglichkeiten suchen, diese Regeln wieder zu umgehen oder die Ansprüche daran zurückzuschrauben? Naturschutz ist lästig, Naturschutz zögert hinaus, er verursacht Kosten und verhindert möglichst schnelles Wirtschaftswachstum. Nur haben wir bei dieser Rechnung nicht eingepreist, dass irdische Systeme und monetäre Systeme nicht dieselbe Sprache sprechen. Was uns heute viel Geld einbringt, kostet uns morgen ein Vielfaches davon. Trotzdem sägen wir lieber weiterhin den Ast ab, auf dem wir sitzen. Und das Ironische daran, wir wissen das. Aber das Wissen darüber ist so abstrakt, dass wir lieber weitermachen wie bisher und es uns schönreden, weil es im Moment ja noch nicht so schlimm ist und wir auch den Bezug dazu verloren haben. So viel zum Thema “Krone der Schöpfung”. Und dennoch glaube ich, dass es Hoffnung gibt und wir es besser machen können. Ich gestehe jedem zu, die oben genannte Komplexität nicht zu begreifen. Ich glaube das tu ich selber nicht.
Zurück zu den Wurzeln. Für mich ganz persönlich bedeutet das, dass ich in meinem Tun wieder das Gefühl in meiner Brust spüren möchte, das ich als Kind empfand, wenn ich Ameisen beobachtete oder Johannisbeeren im Garten meiner Oma pflückte. Für mich bedeutet dieses Gefühl: Sinn. Die “erwachsene” Resignation macht mich krank. Ich kann mich einfach nicht damit zufriedengeben. Antonovsky (1987) entwickelte das Modell der Salutogenese. Dieses Modell sagt u.a. aus, dass Menschen auch unter Belastung gesund bleiben, wenn sich ein Gefühl der Kohärenz einstellt. Das Kohärenzgefühl entsteht durch die Erfüllung der Parameter: 1. Verstehbarkeit - also im Begriff zu sein, dass der vorhandene Zustand erklärbar ist, 2. Bewältigbarkeit - also das Gefühl zu haben, die gestellten Anforderungen im Griff zu haben und schließlich 3. die Sinnhaftigkeit - also die Überzeugung, dass das, was man tut, einen Sinn ergibt. Wenn das Kohärenzgefühl nicht stimmt, verlieren Menschen nach dem Modell erst ihre Resilienz und werden in Folge dessen krank. Ich kann dieses Konzept nachempfinden. Die Medizinerin und Verfechterin der medizinisch-ökologischen Naturtherapie Dr. Kristin Köhler (2025) sagt darüber hinaus: ,,Kohärenz entsteht nicht nur im Inneren, sondern in der Beziehung zur Welt - zu sozialen Strukturen, natürlichen Umwelten, planetaren Rhythmen. Gesundheit wächst dort, wo Menschen sich verbunden, wirksam und sinnvoll eingebettet erleben - nicht getrennt vom Leben, sondern als Teil eines größeren Ganzen. Salutogenese wird so zum regenerativen Prinzip. Sie stärkt nicht nur Resilienz, sondern fördert Beziehungsfähigkeit im ökologischen Sinn.”
Interessant, oder? Man könnte meinen, meine Oma und sie hätten sich gekannt. Vielleicht ist dieses Prinzip aber ganz einfach älter. Vielleicht ist es das Ursprungsprinzip?! Fragen wir doch mal bei indigenen Völkern nach. Was würden diese antworten? Sie wären vermutlich erstaunt, dass die Erkenntnis für mich so bahnbrechend ist, weil sie das Prinzip (Traditionelles ökologisches Wissen = TEK) sowieso und immer schon mit jeder Faser ihres Seins verkörpert haben.
Die funktionelle Wildpflanzenkunde schlägt eine Brücke zwischen dem vorherrschenden Dualismus unserer Zeit: “der Mensch” auf der einen Seite und “die Natur oder Umwelt” auf der anderen Seite. Man kann das nicht trennen. Menschen sind Natur und Natur ist Mensch. Das wird z.B. deutlich, wenn wir uns anschauen, wie sekundäre Pflanzenstoffe mit dem menschlichen Stoffwechsel interagieren. Und mehr noch, wenn wir uns bewusst machen, dass der menschliche Stoffwechsel die von Pflanzen gesetzten Reize sogar erwartet, teilweise darauf angewiesen ist. Wir sind evolutionsbedingt an diese Reize angepasst. Also lasst uns aufhören, gegen die Natur zu arbeiten und damit beginnen, wieder mit ihr im Einklang zu leben. Schritt für Schritt. Unser Planet ist nicht nur Ressource, er ist unser Lebensraum und wir sind verwoben mit dem ökologischen Netz, das alles Natürliche miteinander verbindet. Pflanzenkunde ist eine Möglichkeit, um wieder einen Zugang zu den natürlichen Prinzipien zu erlangen. Ich und meine Projektpartnerin laden dich ein, diese Tür gemeinsam mit uns zu öffnen und beim Übertreten der Schwelle in die Selbstwirksamkeit zu kommen, ganz nach dem Grundsatz der Verstehbarkeit, Bewältigbarkeit und Sinnhaftigkeit.
Willkommen in der Welt der klinischen Ökologie!



